Anhang F. Perrot, Bericht (S. 129-134) Übersetzung aus:François Perrot, La route de
Romain de „Sciences Po“ à Buchenwald, 2015 übersetzt durch: Gedenkstätte Buchen-
wald, August 2024
Mit dem französischen Flossenbürg-Überlebendenverein, Reise nach
Buchenwald im Juli 2000
„[130] In Begleitung meiner Tochter Agnès und ihres Mannes Pascal mache ich mich auf
den Weg in das Dorf Berlstedt, wenige Kilometer nördlich, wo sich das Kommando
befand, in dem ich zwanzig Monate verbracht habe. Wir suchen nach Spuren davon,
indem wir das Dorf und seine Umgebung in alle Richtungen absuchen. Aber vergeblich.
Nachdem wir ein Paar Spaziergänger befragt haben, dass nichts von dieser fernen
Vergangenheit zu wissen scheint, sprechen wir einen Radfahrer an. Der sportlich
aussehende Mann, etwa sechzig Jahre alt, überlegt einen Moment und schlägt uns dann,
wohl interessiert an meinen Ausführungen, vor, ihm zu folgen. Er fährt ein paar hundert
Meter langsam, dann gibt er uns ein Zeichen, in einen Feldweg einzubiegen und
anzuhalten Wir gehen unter seiner Führung durch wildes Gras, bevor wir an einem von
Pappeln umgebenen Teich ankommen. Das erinnert mich an nichts, bis ich beim
Weitergehen eine Schrägebene aus Beton sah, die aus der Wasseroberfläche ragte.
Plötzlich taucht die Vergangenheit wieder auf. Das war die Tongrube, aus der wir den
Ton für die Ziegelei gewannen. Das Wasser, das damals abgepumpt wurde, hat das
Gelände überflutet und es ist eine üppige Vegetation gewachsen. Jemand angelt. Die
Schrägebene diente dazu, die mit Ton beladenen Loren [132] unter den Schlägen der
Kapos zu ziehen! Einige Fotos sollen an diesen einst tragischen, nun ländlichen Ort
erinnern. Ein paar Dutzend Meter weiter, auf einem Gebiet, das wie eine Industriebrache
aussieht, stehen ein paar alte Gebäude, die scheinbar als Lagerhäuser dienen. Das ist
alles, was vom Kommando übriggeblieben ist. Wir bedanken uns bei dem sympathischen
Harry Schubert und laden ihn ein, auf die Freundschaft zu anstießen. In der gleichen
Mannschaft, der 4x4 brav dem Fahrrad folgend, fahren wir zur Dorfkneipe, wo an
diesem Sonntagnachmittag die Einwohner vor ihren Bierkrügen sitzen. Wir sprechen
weiter über das Kommando Berlstedt. Dann schlägt uns unser Führer plötzlich vor, uns
sein Haus und seine Freundin zu zeigen. Wir kommen in eine kleine Straße mit
hübschen Einfamilienhäusern und Reihenhäusern, wo uns die Lebensgefährtin unseres
Guides, Margitta Uhlich, freundlich begrüßt. Wir setzen uns auf die Terrasse, die das
Haus zum Garten hin verlängert, und unterhalten uns mit einem Glas in der Hand weiter
über den Nationalsozialismus, die Konzentrationslager, Buchenwald, Berlstedt ... .
Plötzlich meldet sich eine Frauenstimme von der Terrasse des Nachbarhauses: ein Arm
streckt ein dickes rotes Notizbuch über die Mauer und die Stimme schlägt vor, sich uns
anzuschließen. Die Nachbarin und ihr Mann stoßen bald zu unserer kleinen Gruppe. Sie
ist Lehrerin und das rote Heft ist die Arbeit, die ihre damalige beste Schülerin Sandra
Riske geschrieben hat. Sie trägt den Titel „Berlstedt, ein Kommando des KZ
Buchenwaldʼ. [Zusammenfassung Inhalt der Arbeit durch Perrot ...].
[134] Perrot bittet um eine Kopie der Arbeit, Überraschung der Gastgeber, dass Perrots
Tochter so gut Deutsch spricht].
Bevor wir uns von unseren gastfreundlichen Gastgebern verabschieden, erklären sie
uns, dass verschiedene Wiedernutzungen der Grund dafür sind, dass so wenige Spuren
des Kommandos übriggeblieben sind. Zum einen nutzten die Dorfbewohner den
Stacheldraht und machten aus den Baracken Brennholz. Andererseits schickten die
Besatzer alles verwertbare Material in die Sowjetunion. Sie empfehlen uns jedoch, vor
dem großen Schulgebäude anzuhalten, das in der Nähe von der Tongrube gebaut wurde
... Verzeihung! Vom Teich...! Dort steht nämlich ein alter Stacheldrahtpfosten mit einer
Tafel, auf der steht: „NIE VERGESSEN!“. Niemals vergessen! In der Tat, für manche ist
es ein unvergessliches Erlebnis. Hoffentlich für alle!